Dok: Bern 2008

Gedanken eines Staatsanwalts

 

Berner Zeitung, 30.10.2008

Remo Leibundgut: «Manchmal frage ich mich schon»

«Eigentlich kann ich gut abschalten», sagt der für das Emmental und den Oberaargau zuständige Staatsanwalt Remo Leibundgut. Doch Verbrechen an Kindern und zu milde Urteile geben ihm nicht nur im Büro zu denken.

Was andere bloss aus dem Fernsehen, aus Büchern, aus der Zeitung und aus dem Internet kennen, ist für Remo Leibundgut Alltag: Morde, Vergewaltigungen, Kindesmisshandlungen, Betrügereien – dem Burgdorfer, der seit dem 1.Juni die Staatsanwaltschaft II, Emmental und Oberaargau, leitet, ist nichts Menschliches und Unmenschliches mehr fremd.

«Gewisser Idealismus»
Abgestumpft sei er deswegen nicht, sagt der 42-Jährige in seinem provisorischen Büro (siehe Kasten) an der Oberburgstrasse in Burgdorf. Er denke zwar nicht bei jedem neuen Fall: «Jetzt verbessere ich die Gesellschaft.» Aber «ein gewisser Idealismus» sei ihm trotz all der Jahre geblieben, in denen er erst als Fürsprecher und, seit 1997, als Untersuchungsrichter arbeitete. «Wenn ich meine Arbeit mechanisch erledigen würde, wäre ich hier fehl am Platz.» Das Wichtigste und gleichzeitig Schwierigste an seinem Amt sei, jede mutmassliche Täterin und jeden mutmasslichen Delinquenten unvoreingenommen zu betrachten. Dazu ist Leibundgut von Gesetzes wegen verpflichtet.

«Doch die totale Objektivität gibt es nicht», sagt der Staatsanwalt. Wenn ihm jemand vorgeführt werde, von dem er wisse, dass er «etwas mit Kindern» zu tun gehabt habe, oder wenn er sich mit einem chronischen Wiederholungstäter beschäftige, könne es vorkommen, dass seine Gefühle kurz mit den von der Justiz gestellten Leitplanken kollidierten. «Aber es ist mein Job, meine persönlichen Ansichten von den beruflichen Ansprüchen zu trennen und mich darauf zu konzentrieren, den Beschuldigten vor einem Strafgericht zur Verantwortung zu ziehen, ohne ihn unnötig hart zu bestrafen.»

«Warum so milde?»
Hin und wieder, räumt Remo Leibundgut ein, wundere er sich bei Prozessen, mit denen er nichts zu tun hatte, darüber, mit wie milden Strafen beispielsweise Männer davonkämen, die sich an Kindern vergangen haben. Dann versuche er, aus den Akten mehr über den Angeklagten, sein Umfeld und seine Geschichte zu erfahren. «Wenn ich den Verurteilten und seinen Hintergrund besser kenne, kann ich meist auch seine Beweggründe und damit das Urteil besser verstehen.» Dabei könne es vorkommen, dass er für den Täter Mitleid empfinde. «Es gibt einfach Minderprivilegierte und aus irgendwelchen Gründen abgestürzte Menschen, die irgendwie in etwas geraten sind, in das sie gar nicht geraten wollten», sagt der verheiratete Vater einer elfjährigen Tochter. «Das entschuldigt nichts. Aber es erklärt manchmal vieles.»

«Begiesse keine Strafen»
Falls er als Ankläger vor Gericht stehe, nehme er die Urteile meist emotionslos zur Kenntnis. Glücksgefühle kämen kaum je auf. «Ich gehe es jedenfalls nicht begiessen, wenn jemand für zwölf Jahre hinter Gitter muss.» Viel wichtiger sei für ihn, «dass das Gericht zum Schluss kommt, dass die Polizei, die Untersuchungsbehörden und wir von der Staatsanwaltschaft die Arbeit richtig erledigt haben».

«Die Arbeit bleibt im Büro»
Grundsätzlich legt Leibundgut grossen Wert auf eine strikte Trennung seines Berufs- und Privatlebens. «Wenn ich Feierabend habe oder ins Wochenende gehe, bleibt die Arbeit im Büro.» Nur – auch damit klappt es, wie mit der Objektivität, nicht immer wie gewünscht: «Als ich einmal einen plötzlichen Kindstod untersuchen musste, musste ich unwillkürlich an meine Tochter denken, die damals im selben Alter war wie das Mädchen, das leblos vor mir lag.»

«Nicht mehr Gewalt»
In den lauter werdenden Chor all der Leute, die sich über eine immer gewaltbereitere Gesellschaft beklagen, stimmt Leibundgut nur sehr leise ein. «Ich glaube nicht, dass es heute mehr Gewalt gibt als früher.» Tatsache sei aber, dass eine Brutalisierung stattfinde: «Die Schwere der Delikte ist manchmal schon erschreckend», sagt der Experte. «Vor nicht allzu langer Zeit liessen Schläger ihr Opfer liegen, wenn es am Boden war. Inzwischen prügeln sie oft auch dann noch weiter, bis es sich nicht mehr bewegt.»

Als bisher schwersten Fall seiner Karriere nennt Leibundgut das Tötungsdelikt in der Burgdorfer Bahnhofunterführung. Im Mai 2005 erschoss dort ein Mazedonier einen Albaner nach einem monatelangen Streit um Geld. Leibundgut war damals noch Untersuchungsrichter; die Anklage vertrat sein Vorgänger Walter Wyss, der Ende April dieses Jahres als Staatsanwalt pensioniert wurde.

«In solchen Fällen frage ich mich schon, was eigentlich los ist auf dieser Welt», sagt der Politiker, der für die SVP im Burgdorfer Stadtrat sitzt, gerne wandern geht, sich dem Garten widmet und immer mal wieder seinen «Kollegen» am TV beim Ermitteln zuschaut.